Alles ist relativ

Die Sache mit dem Türöffnen ist eigentlich ganz einfach. Ich hätte aber auch meine nur halbseitige Wahrnehmung trainieren sollen. Es ist ja nicht nur die Hemianopsie, die Halbseitenblindheit. Alles scheint nur halb vorhanden zu sein. Der Türöffner ist auf der rechten Seite (und es steht „DörOpner“ drauf), auf der ich eigentlich sehen kann. Aber ich habe ihn nie gesehen, obwohl er mir das Leben erleichtert. Normalerweise verschwindet ja alles auf der linken Seite. Auch wenn ich es selbst dorthin stelle. Nach dem Einkaufen, mußte ich heute die übervolle Stofftasche nochmal ausräumen, um mehr Platz zu schaffen. Das Polarbröd landete dabei auf der linken Seite und wurde prompt vergessen. Erst zuhause habe ich den Verlust bemerkt und hinkte gleich nochmal 10 Minuten zum Eurospar zurück. Es war gar nicht so, dass dort mein Versehen bemerkt worden und Matsens Lieblingsbrot in Sicherheit gebracht worden war. Es reichte, mein Mißgeschick (auf Englisch) zu erwähnen und den Kassenbon vorzuzeigen, und schon bekam ich eine neue Packung Polarbröd. Nicht nur sind die Arbeitnehmer im Einzelhandel freundlich; Die Preisgestaltung ist es auch, wenn man mal von allem absieht, was ich gerne zu mir nehme. Kindernahrung ist aber vergleichsweise günstig, und die Packung Windeln kostet umgerechnet nur 2 Euro. Norwegen ist also gar nicht so teuer, wie es erstmal erscheint. Die Prioritäten sind eben andere

Ich bring dann mal was runter.

Heute mußte ich am späten Vormittag kurz in den Kindergarten, um Mats ein wichtiges Utensil zu bringen, dass er für seinen Mittagsschlaf braucht. Bei der Gelegenheit habe ich gleich den Müll vom 5. Stock mit runtergenommen und vors Haus getragen. Natürlich ist der Müll vorsortiert. Sogar noch ein bißchen stärker als in Deutschland. Grüne Plastiktüten sind für Kompost, blaue für Plastik und Verpackung, rote für normales Papier, orange für leichten Karton und Tetrapacks. Weiße schliesslich für Restmüll. . Kurz vor dem Hauseingang kommen 3 schwarze Rohre aus dem Boden, deren Ende um 90 ° gebogen ist. Für eins davon hat jeder Hausbewohner einen Schlüssel. Und in dieses Rohr kommen die Mülltüten. Wahrscheinlich endet diese Rohrpost in der Tiefgarage, im Geräteschuppen des Hausmeisters, aber genau weiß das niemand. Ich steige also mit 3 bis 4 Mülltüten an den Fingern der rechten Hand in den Fahrstuhl und fahre ins Erdgeschoß. Bei der Haustür muß ich mit der schon beschäftigten rechten Hand einen Knauf umdrehen und gleichzeitig die Tür aufdrücken. Ähnlich beim Müllrohr. Hier gilt es, die Klappe aufzuhalten, während ich die Beutel reinwerfe. Einen extra Beutel für „leichten Karton“ – das mag merkwürdig klingen. Für mich ist es Training.

wunderbare Wasserwelt

Ursprünglich war ja mal geplant, heute zur Seehundfütterung ins hiesige Polarmuseum zu gehen. Das mußten wir aber ausfallen lassen. Stattdessen bin diesmal ich mit Mats an den Hausstrand gegangen. Da Muschelsammeln von vornherein ausgeschlossen war, haben wir uns lange damit beschäftigt, Steine und Steinchen in eine ziemlich große Pfütze zu werfen, wobei Mats eine immer ausgefeiltere Wurftechnik entwickelt hat. Der Extradarbietung einer Robbenshow glich dann der 15minütige Nachhauseweg. Durch die Ritzen eines Holzzaunes konnten wir erstmal nur einfache Segel- und Motorfische sehen, dann wurde die nordpolare Fauna immer exotischer. Haifische haben Mats keinen Gesichtsmuskel verziehen lassen, aber als dann auch noch Moin-Naa?- und Hallofische an uns vorüberzogen, kannte sein Kommentarstrom keine Unterbrechung mehr. Mit dem großen Finale von Trommel- und Triangelfischen wird er bestimmt bald vom Polaria abgeworben werden. Bin nur noch auf das abendliche Waschen gespannt, wo er doch schon vom Klobürstenfisch gesprochen hat.

fauler Tag

Umstände, die ein gerade 2einhalb jähriges Kind seinen Eltern überall auf der Welt macht, sind ja nichts für eine Art Tagebuch, das jeder auf der Welt lesen kann. Beschreibenswert an diesem kindergartenlosen Tag ist daher nur der Gang an den Hausstrand, den Anja und Mats alleine unternommen haben, um mich in Ruhe trainieren zu lassen. Daraus ergibt sich außer einer mikroskopisch verbesserten Handfunktion nur ein Problem, das überall auf der Welt gleich sein dürfte: Wohin mit den Muscheln? Sonst bleibt mir nur der Verweis auf die Überschrift.

Schietwetter

Nicht, dass ich jetzt tatsächlich nur vom Wetter erzählen will, worüber ich bei der Generation vor mir schon immer die Nase gerümpft habe. Aber als Anja neben mir auf dem Sofa saß, während Mats seinen Mittagsschlaf auf ihrem Schoß fortsetzte und genau dieses Wort flüsterte, dachte ich nur, dass das ein schöner Titel sei. Tatsächlich hatte mich das stete Prasseln an unser Schlafzimmerfenster schon die ganze Nacht genervt. Und der Dauerregen verhagelt auch die wunderbare Aussicht auf den Fjord. Nur Möwen heben sich ab und zu vom monotonen Grau ab, sonst könnte ich auch vor einer entsprechend gestrichenen Scheibe sitzen. Das Schlimmste aber ist, dass nun Anjas Ausflug mit Mats zur Eiskathedrale ins Wasser fällt. Dann hätte ich nämlich mein Elektrostimulationstraining für die Hand machen können, für die ich absolute Ruhe brauche. Die ich aber bei dem Regengeprassel sowieso nicht hätte.

Keine Angst! Ehe ich tatsächlich nur vom Wetter schreibe, verkünde ich noch, dass sich die gestern anbahnende Erfolgsgeschichte konkretisiert hat. Ich habe einen ersten Physioterapitermin in der Centrumsklinniken, die ich mit dem Bus gut erreichen kann. Und zeitnah ist er auch noch (6.10.) obwohl erstmal von einem halben Jahr Wartezeit die Rede war, was sich aber schlagartig änderte, als sie von meinem Kostenträger hörten, der für alles aufkommen würde. Sogar den Namen des Therapeuten weiß ich nun schon: Tom Erik Richardsen. „Tom“ hiess auch mein erster Physiotherapeut in meiner ersten deutschen Klinik. Der anfangs herzliche Kontakt hat sich zwar längst verflüchtigt, aber mit ihm begann eine Erfolgsgeschichte. Also werte ich das als gutes Zeichen. Außerdem hat bisher jede Therapeutin neue gute Ideen gehabt. Und wenn ich so durch das Grau schaue, wäre Skifahren vielleicht ein nächstes Zwischenziel.

Spielzeugpraxen

Unsere erste ärztliche Anlaufstation entpuppte sich als Zahnarztpraxis, für die wir komischerweise gerade keinen Bedarf hatten. Aber im gleichen Gebäudekomplex gebe es noch eine Arztpraxis, hiess es, und wir mußten auch nur ein paar Meter durch den Regen gehen. Dort gab es dann das gleiche Spiel, nur dass ich Hoffnung schöpfte, als eine Arzthelferin ankündigte, sie würde in der nächsten Praxis, gleich um die Ecke, schonmal anrufen. Dort aber fühlte man sich auch nicht zuständig, und einen zuständigen Arzt („first doctor“) bekommen Norweger vielleicht gleich bei der Geburt. Bei der Einwanderungsbehörde jedenfalls waren wir auf solche Schwierigkeiten nicht hingewiesen worden. Auf den vagen Hinweis, wir könnten uns doch nach „freien Ärzten“ erkundigen, sind wir erstmal nach Hause (auch Mats wollte nach Hause und meinte damit nicht Ekel) gefahren, um unsere Persönliche erCundigungsmaschine zu konsultieren. Das ergab einen Hinweis, dem Anja aber telefonisch nachging, bevor wir wieder irgendwohin fuhren. Ergebnis: Wir mußten in jedem Fall erst zur „legevakt“, der Notfallambulanz. Was sich in deutschen Ohren für Durchfall und ein Informationsgespräch übertrieben anhört, erwies sich als goldrichtig: Weil Mats von den Spielzeugen im Vorzimmer nicht wegzubekommen war, beschäftigte sich die Ärztin erst einmal mit mir. Wenn ich könnte, würde ich Gina (deutsch gesprochen) Överland sofort zu meiner ersten Ärztin ernenne, denn sie hat mir weitergeholfen.“tüsn tack!“ Ich weiß nun, wie ich weiter vorgehen muß und fange damit auch in den nächsten Tagen an. Mats liess sich danach nur mit der Zusicherung zu einer Untersuchung bewegen, er dürfe einen Spielzeuglaster mit ins Sprechzimmer nehmen. Windel abgeben war ja einfach, aber einen Tropfen Blut mußte er auch noch dort lassen. Er suchte sich als Bestechung einen kleinen Plastiksaurier aus, der es bestimmt noch zum Bettgenossen bringen wird. Alle Praxen, in denen wir heute waren, hatten ausgedehnte Spielecken, und die Norwegerinnen gaben sich als kinderliebes Volk. Nun müssen wir nur noch warten. Auf den Beginn der Therapien und das Anschlagen der medikamentösen Behandlung. Ich bin dabei ganz guter Dinge, aber Mats wartet eher schlapp in Anjas Arm.

lege

Im Kindergarten ging es heute schon sehr viel besser. So viel, dass Anja ihn erst nach dem Mittagsschlaf abgeholt hat. Und da es beim Hinbringen noch nicht ganz ohne Geschrei abging, hat eine der Erzieherinnen ein Foto mit einem zufrieden spielenden Mats auf Anjas Handy geschickt, um sie (erfolgreich) zu beruhigen. Man stelle sich einen derartigen Einsatz moderner Technik im Kindergarten von Erfde vor…

Vielleicht hat sich unser Kleiner im Barnehage auch seine aktuelle Infektion zugezogen. Jedenfalls hat er eine, neben dem Durchfall, der ihn und uns schon seit Tagen plagt. Als ein Arztbesuch unausweichlich schien, hatte die Praxis schon zu. Werden wir es also morgen früh versuchen – der Kindergarten ist die nächsten beiden Tage ohnehin geschlossen. Kann ich eigentlich gleich mitgehen, um zu erfragen, wie ich an einen Neurologen komme, der mich dann an Therapeutinnen weiterleiten kann. Das war bisher schwierig. Die Norweger gehen nur zum Arzt (lege), wenn sie akut krank sind – Informationsgespräche sind nicht vorgesehen. Wenn wir herausfinden wollten, wer in meinem Fall zuständig sein könnte, wurden wir bisher nur an die Notfallambulanz verwiesen. Wäre schön, wenn wir morgen beim Allgemeinmediziner unserer Gegend weiterkämen, denn ich möchte meine Arbeit als Patient so schnell wie möglich wiederaufnehmen.