Alles Gute!

Wir sind gespannt. Wenn die Übungsballerei hier wie in Deutschland beginnt, sobald es dunkel ist, hätte sie schon um 14.30 anfangen müssen. Aber die Einwohner der Provinz Troms sind erst seit 16 Uhr dabei, alles in den bedeckten (und damit wenig Polarlichter versprechenden) Himmel zu werfen, was sie noch haben. Aber hier gab es schon seit September immer mal wieder kleine Feuerwerke. Als ich vorhin mein Elektrostimulationstraining im Sitzen mit gutem Blick auf die Stadt machte, konnte ich schon alle möglichen Farben und Formen sehen. Obwohl wir den Bewohnern von Tromsö grundsätzlich ein sehr üppiges Feuerwerk zutrauen, sind wir doch auf die Uhrnullung gespannt, weil in der Stadt so wenig Raketen und Knallkörper zum Kauf angeboten wurden. Aber wer weiß schon, seit wann und unter welcher Hand sich die Norweger mit Feuerwerkskörpern eingedeckt haben. Ich wünsche allen Lesern jedenfalls einen wunderbaren Abend und Alles Gute für 2015!

Aber da ich die Schlußformel aller meiner mails schon vor Jahren etwas abgeändert habe, möchte ich auch hier ALLES LIEBE für chüe femtn wünschen!

Familientage

Seit Sonntagabend sind Severina und Thore da. Tromsö hat mit seiner dicken weißen Pracht mächtig Eindruck auf sie gemacht und Mats kann sein Glück kaum fassen.

Getrübt werden die dTage dazwischen dadurch, dass Anja krank ist. Natürlich läßt sie es sich nicht nehmen, auch dann noch etwas für alle zu tun, wenn sie eigentlich im Bett bleiben müßte. Aber dank der Kinder konnte sie gestern nun endlich zum Arzt. Ihre Erkältung ist zu einer ausgewachsenen Sinusitis geworden. Und ihr konnte geholfen werden. Zumindest ist sie dank einiger Leckereien aus einer einheimischen Apotheke schon auf dem Weg der Besserung und konnte, nachdem Mats nach einem aufregenden Tag im Ersatzkindergarten schon sehr früh ins Bett gegangen ist, mit uns noch einen Film schauen. Und ab morgen dann wieder 2 Tage, an denen wir uns alle zusammen um Mats kümmern werden, und darauf achten, dass sich Anja nicht gleich wieder übernimmt.

Weihnachtsbaumstamm

duenen

Heute morgen war uns gleich aufgefallen, dass die Schneedüne auf unserem Balkon etwas gewandert war. Erst mittags merkten wir, dass draußen allgemein etwas passiert war: jemand schnitt mit einer Schneefräse einen Weg von unserer Haustür Richtung Strasse und Spielplatz. Das wollte Mats sich gleich aus der Nähe ansehen und wir beschritten gleich den frischen Weg. Zum Spielplatz kamen wir auch leicht. Aber dort wurde es schwierig, weil Mats unbedingt auf die Schaukel wollte. Innerhalb des Spielplatzes gab es aber keine Pfade. Wir versuchten zwar, mit den Händen einen Weg durch den mehr als knietiefen Schnee zu graben, mußten den Versuch aber bald aufgeben: Mats versuchte zwar  noch, meinen drei, vier Schritten in die richtige Richtung zu folgen. – Es sah aber aus, als würde er tauchen wie ein Algenwurm in meiner Linsensuppe. Er hatte aber großes Vergnügen dabei, mit zusammenhängenden Schneegebilden ab Tennisballgröße beworfen zu werden, insofern diese noch direkt vor ihm den Boden erreichten. Dann rief er „kaputt“ und lachte. Dieses Spiel hörte weniger wegen des anstehenden Mittagessens auf, sondern eher, weil ich meiner Beinschiene nicht mehr voll vertraute und lieber nachhause ging, solange ich mir noch sicher war, das auch zu können. Aber nach dem Mittagsschlaf durfte Mats mit Anja nochmal ins weiße Element, und sie erreichten nicht nur mühelos Schaukeln und Rutschen (sollte mir mal nach Kosenamen sein, werde ich sie wohl „meine Schneefräsen“ nennen müssen), sondern bauten auch noch Schneehöhlen in zusammengeschobenem Abraum. Dass Mats dabei einmal der ganzen Länge nach Kältekontakt hatte, war aber sofort wieder vergessen, als Anja ihm ein Stück „Bouche de Noel“ in Aussicht stellte. Dieser von ihr selbst kreierte und sehr mächtige Nachtisch ist nun Mats „Lieblingskuchen“.

dicke Suppe

Wetter ist ja schon seit Tagen das große und einzige Thema aus der absaufenden alten norddeutschen Heimat. Während es dort aber heute zum ersten Mal kalt zu werden schien und eine Regenpause gar Spazierengehen möglich machte, ist es hier warm geworden: nur noch 2 Grad unter Null. Nächste Woche soll es sogar Plusgrade geben. Aber merkwürdig war etwas anderes: Heute mittag verdunkelte ein Schneesturm das spärliche Licht. Und als ich heute Abend nach der Hurtigruten Ausschau hielt sah ich, dass ich gar nichts sah. Jenseits des Balkons nur eine dicke weiße Suppe, durch die nicht ein einziges Licht der Stadtinsel kam. Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass ich noch nie U-boot gefahren bin, obwohl ich doch sonst kaum eine Fortbewegungsart ausgelassen habe. Jedenfalls muß sich die Besatzung eines Unterseebootes in einem Milchsee ungefähr so fühlen wie ich heute auf meinem Balkon. Ein Hurtigruten-Kapitän würde sich niemals hierdurch wagen.

Und so habe ich auch mal wieder nur vom Wetter berichtet. Aber Weihnachten ist ja überall Ausnahmezustand.

Macht die Knoten auf!

In meiner Erinnerung war die Bescherung zwar auch erst im Dunkeln, aber das war irgendwie später. Wir haben diese Veranstaltung begonnen, als Mats mit dem Mittagsschlaf fertig war. Um 15 Uhr 30. Heute mag auch der starke Wind dazu beigetragen haben, dass Alles etwas früher war als in meiner Erinnerung ans letzte Jahrtausend. Heute wären alle Rentiere mit Rekordgeschwindigkeit aus Nordwesten hierher geblasen worden. Der Otannenbaum unseres Hauses steht aber noch an Ort und Stelle. Nur die Eislaternen auf dem Balkon waren heute unmöglich anzuzünden. Aber die elektrischen Lichter auf der Stadtinsel machen das ja locker wett, wenn es schon kein Polarlicht gibt.

Eins ist komplett anders, als in meiner Kindheit: Der heilige Abend verläuft ruhig und friedlich. Und wenn Matsens Hauptgeschenk noch in tausend Einzelteilen im Wohnzimmer verstreut herumliegt, so liegt es ausschliesslich daran, dass es noch nicht zusammengebaut war. Kein Wunder: Die Montageanleitung ist auf Norwegisch. Ansonsten ist alles so normal, wie wir es gerne einmal gehabt hätten. Aber ich habe schon öfter gelesen, dass der verläßliche Jahresstreit am 24. Dezember in Deutschland der Normalfall ist. Ob es Bescherung heißt, weil die Geschenke nicht anders aufzubekommen sind?

Und obwohl sich bestimmt viele fragen, wie wir da oben wohl Weihnachten verbringen, bleiben wir die nächsten Tage unten. Trotzdem die Bergstation der Seilbahn beleuchtet ist, sind wir bestimmt nicht die einzigen in Tromsö, die sie nicht benutzen.

Allen Lesern vielen Dank für die Aufmerksamkeit und angenehme arbeitsfreie Tage!

happy Mittwinter!

Anja, die Erfahrung mit einem Winter innerhalb des Polarkreises hat, weiß noch genau, wie froh sie vor achteinhalb Jahren in der Antarktis war, dass die Tage wieder länger werden. Auch am anderen Ende der Welt sehnte sie den heutigen Tag herbei, der außerdem unser Jahrestag ist und der Geburtstag unseres alten Freundes Huby. Herzlichen Glückwunsch! Wir sind nach einem üppigen Pfannkuchenfrühstück ins Polaria gefahren, haben der Robbenfütterung zugesehen (die Seehunde haben allerdings keine Plätzchen bekommen, wie Mats beim Videoskypen der Großmutter erzählt hat, auch keine Weihnachtsplätzchen in Fischform (Mats hat nur eine Ausstechform in Treckergestalt), sondern schlicht nur Fisch.Anja und ich machen uns jedenfalls noch einen ganz besonderen Abend zu zweit und hoffen, dass uns etwas ähnlich Nettes auch noch für die kommende Woche einfällt.

Feuer und Eis

Der gestrige Tag diente der Erholung. Tatsächlich haben Anja und ich jede Stunde telefoniert. Aber auf Dauer ist das keine Lösung. Da stellen wir uns eher vor, aus alten Handys so etwas wie 2 Alarmsysteme basteln zu lassen. Eine Art Alarmknopf, den ich am Gürtel trage und der beim Drücken eine Nachricht auf Anjas Handy hinterläßt. Das zweite wird fest in der Wohnung installiert und soll von Mats bedient werden, wenn sein Vater nochmal so komisch auf dem Boden liegt, wenn er aufwacht. Gut, dass in Norwegen die Netzabdeckung so gut ist, dass es quasi überall Funktelefonempfang gibt. In Ekel mußten wir zum Telefonieren immer nach oben gehen. Pünktlich vor dem morgigen Mittwinter ist dank der dauernden Minustemperaturen auch die zweite Eislaterne fertig geworden, in der wir nun schon mitten im Eis ein Feuer entzünden können.

eislaternen

Ambulanse

Gestern war es dann so weit: Ich konnte die Tromsö Legevakt (Notfallambulanz, wörtlich „Arztwache“) vom Krankenwagen aus betreten.  Das war so gekommen: Wegen einer frei herumlaufenden Magen-Darmkrankheit durfte Mats gestern nicht in den Kindergarten. Vormittags war Anja mit ihm in der Stadt unterwegs. Nachdem er mittags eingeschlafen war, ist Anja zur Arbeit gefahren (das nächsten Monat startende Expeditionsschiff wird gerade beladen), und ich habe mich hingelegt. Meine nächste Erinnerung ist, dass ich auf dem Boden lag und immer nur eine Kante zwischen Parkettboden und hölzerner Wand gesehen habe, an der ein schwarzes Kabel entlanglief. Dabei zuckte mein Gesicht. Als ich aufwachte lag ich krampfend auf dem Boden und konnte mich nicht bewegen, weil ich wie im Polizeigriff auf meinem gelähmten Arm lag. Auf der entgegengesetzten Ecke des Zimmers (für ortskundige Großeltern: vor dem Fernseher) lag der arme Mats und weinte. Ich versuchte, ihn zu rufen, damit er mir vielleicht beim Umdrehen helfen könnte, aber er nahm mich nicht wahr. Kurz darauf kam Anja herein, überblickte die Situation, meinte „sowas hab ich mir gedacht“ (ich hatte auf ihre sms nicht geantwortet) und rief den Notarzt. Von da an lief alles wie immer; nur dass die Sanitäter norwegisch sprachen. Ich war auch soweit klar, dass mir kein Beruhigungsmittel gespritzt werden mußte. Auch in der Legevakt gab es keine eigentliche Untersuchung. Man wollte durch ständiges Fragen wohl nur herausfinden, ob ich vernunftbegabt genug für eine Entlassung war. Ich durfte dann auch sehr schnell Anja anrufen, damit sie mich abholt. Während Anja unterwegs war, konnte ich noch per Kreditkarte im Automaten die Rechnung bezahlen, und als sie eintrat, las ich vom Schild ab: “velkommen til Tromsö legevakta!“.

Auch ohne Seditativum habe ich vom Rest des Tages lange nicht alles mitbekommen. Aber ich konnte mir die Stelle an der Wand ansehen, an der ich gelegen hatte. Samt schwarzem Kabel an der Fußleiste.
Heute darf Mats (48 Stunden nach dem letzten Durchfall oder Erbrechen) wieder in den Kindergarten. Damit Anja halbwegs beruhigt arbeiten kann, haben wir ausgemacht, dass sie mich jede Stunde anruft.

lila Weihnachtspäckchen

Meine Assimilation nimmt bedenkliche Ausmaße an. Ich mußte heute mein Hamburger Rehabedarfsgeschäft wegen neuer Klebeelektroden für mein Elektrostimulationsgerät anrufen. Und nachdem ich erfahren hatte, dass die schon unterwegs sind, wollte ich am Ende meines Dankes die Verabschiedung mit einem freundlichen „Ha en fin Adventstid!“ abschliessen. Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass es sich um ein deutsches Gespräch handelt. Anders als vorher bei der Post, bei der ich die mit einer Internet-Versandapotheke geschickten Antiepileptika abholen konnte, die endlich angekommen waren, nachdem ich das Medizinpaket erstmal mit einer mail mit Passkopie und Sozialnummer aus dem norwegischen Zoll loseisen mußte. Bei der Post im Eurospar jedenfalls hat man sich über meinen norwegischen Wunsch einer angenehmen Weihnachtszeit sichtlich gefreut. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die meisten anderen Neueinwanderer sich nicht am Norwegischen versuchen. Auf dem Rückweg konnte ich mich noch am Restlila der Wolken am Himmel erfreuen. Ihren Höhepunkt hatte diese nette Farberscheinung, die nichts mit einem Polarlicht zu tun hat, als um 14.27 die Dämmerung in Dunkelheit überging und die Hurtigruten tutete, was mich ungemein beruhigte, denn gestern war gar keiner der Postdampfer gekommen. Zum ersten Mal in den letzten 3 Monaten, die wir nun hier sind, und die mir schon viel länger vorkommen.

Adventbusse

Um heute zu Amelie, Polona mit ihren Kindern und unbekannten Eltern zu kommen, haben wir uns mal wieder den Bus vorgenommen. Das letzte Mal hatten wir den Bus verpasst, und dann, weil der Bus Sonntags nur einmal pro Stunde fährt, das Auto genommen. Heute nicht, das war der Plan. Und er ging glänzend auf, nicht zuletzt, weil in Tromsö die Busse auch sonntags pünktlich sind. Außerdem können wir mit Linie 20 direkt von unserem Haus in Tomasjord (östliche Festlandseite) bis zum Haus von Amelie und Familie (irgendwo auf der Stadtinsel) fahren. Und wieder zurück. Und als wir fast zuhause waren, hab ich Mats, der auf Anjas Schultern nicht einschlafen sollte, beim Stapfen durch den Schnee noch die Geschichte von „Bim und die Suche nach dem Nordlicht“erzählt. Ein Buch, dass wir schon vor Wochen in die Bibliothek zurückbringen mußten. Es hat funktioniert: Erst zuhause ist Mats in den Mittagsschlaf in seinem eigenen Bett gesunken. Das hatten wir noch nie hinbekommen. Und davor war es ein rundherum angenehmer Ausflug ins soziale Leben. Mit der Einschränkung, dass für mich immer noch mehr als 2 Geräusche (SprecherInnen) gleichzeitig kaum zu verarbeiten und damit sehr anstrengend sind. Dafür hatte Amelie, die Frankoaustralierin, ihr spezielles Waffeleisen rausgeholt und uns original Crêpes serviert. Das hört sich auch irgendwie nach Weihnachtszeit an, und wir waren auch sehr gespannt, obgleich von Anjas Sonntagspfannkuchen vollkommen verwöhnt. Die Schlußfolgerung lautet denn auch: so ein französisches Crêpeseisen brauchen wir nicht.