Helmpflicht

Als ich heute zur Post gehen wollte, um das aktuelle Medikamentenpaket abzuholen, war ich sehr optimistisch und habe Altglas und Mülltüten mitgenommen.

In der um den Hals hängenden Stofftasche mit dem Altglas waren auch 3 Pfandsaftflaschen. Gut eingeklemmt, wie ich dachte. Trotzdem hat der Sturm gleich eine weggeweht, die sofort irgendwohin verschwand. Nun habe ich 2 Kronen 50 verloren und zur Verplastifizierung des Meeres beigetragen. Die beiden Mülltüten konnte ich gleich wieder in die Wohnung stellen, denn es war mit einer Hand vollkommen unmöglich, das Müllrohr aufzuschliessen, ohne sie aus der Hand zu lassen.

Der Sturm bläst auch die Eiskristalle weg, und macht aus den Eisflächen Spiegel. Auch der gestreute Split ist vielerorts einfach schon weggeblasen. Zur Post im Eurospar nahm ich aber einen Weg, parallel zum normalen Kindergartenpfad, auf dem der Kies noch lag. So kam ich hin, konnte Altglas, Altmetall und 2 verbliebene Pfandflaschen wegbringen und anhand im Internet stehender Paketverbleibinformationen auch die Pillen abholen. Und ich bin nicht ausgerutscht oder einfach umgeweht worden, so wie Anja gestern mit dem Fahrrad, wobei sich der Helm wirklich mal bewährt hat. Und wenn ich die vielen Kratzspuren auf dem Eis richtig interpretiere, war ich auch nicht der Einzige, der trotz Nägeln unter den Fußsohlen einfach weggerutscht ist. Am Ende habe ich auch noch einen Anlauf unternommen, um die beiden Mülltüten loszuwerden: ich habe sie so in den rechten Arm genommen, dass ich gleich mit dem Müllrohrschlüssel in der Hand dahin gegangen bin. Zum Aufschliessen und Plastikbeutel loswerden mußte ich zwar Kopf und Zähne mit einsetzen, aber es hat funktioniert. In der Wohnung angekommen, mußte ich allerdings erstmal warten, bis meine rechte Hand aufgetaut und wieder beweglich war, bevor ich die Schuhe ausziehen konnte.

Als ich sie wieder anzog, um Mats abzuholen, war mir schon etwas mulmig. Wenn ich schon solche Probleme hatte, im Sturm aufrecht stehenzubleiben, würde der Kleine dann nicht einfach fortgeweht? Ich plante extra die doppelte Zeit ein, um allein zum Barnehage zu kommen und mit unserem Sohn (ausnahmslos an der Hand) wieder zurück. Tatsächlich hat es auch doppelt so lang gedauert, aber es hat funktioniert. Ich hatte nur einen leichten Krampf in der Hand als wir zuhause waren, aber sonst ging alles gut. Mit meinem geteilten Aufmerksamkeitsdefizit kann ich ihn ja ohnehin kaum verstehen, wenn er mir auf dem Weg etwas erzählt. Heute ist nicht ein Wort zu mir durchgedrungen. Ich hatte zwar einen Krampf in der Hand als wir die Wohnung betraten, aber Mats war selber froh, dass wir heil angekommen waren.

Am Ende des Nachmittags haben wir mit Knete gespielt: Schneemänner und blaue Asteroiden, die auf die Erde einschlagen. „Und jetzt hab ich aus dem Asteroiden ein Kneteplätzchen gemacht. Probier mal!“ „Echt lecker.“

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Kathedrale im Dunkeln

Heute wurde uns vor Augen geführt, wie abhängig wir doch sind; gegen 15.20 uhr fiel der Strom aus. Um 16.10 war er kurz wieder da. Aber nur so kurz, dass ich die im Dunkeln ertastete Taschenlampe wieder an ihren Platz stellen konnte. Weil ich solche Schwierigkeiten habe, die Bobbahn zum Kindergarten hinauf zu gehen, hat Anja heute Mats abgeholt. Das war mit dem Fahrrad gar nicht so einfach. Nicht nur der Glätte wegen. Ein starker Wind schleuderte ihr kleine Eiskristalle ins Gesicht. Und als sie ziemlich groggy mit Mats nachhause kam, bot da keine warme Dusche etwas Entschädigung an. Warmes Wasser gab es genauso wenig wie Heizung. Deshalb bot uns eine Freundin mit Kamin auch Asyl in ihrem Gästezimmer an. Nur dahinzukommen wäre schon schwierig gewesen, denn unser Auto ist gerade in der Werkstatt, und wie die Busse in einem ziemlich lahmgelegten Tromsö fahren, wußten wir nicht. Die Freundin wußte per sms auch zu berichten, dass der Stromausfall darauf zurückzuführen sei, dass das Hauptkabel von Narvik in alles Nördlichere gebrochen sei. Das hörte sich nach einer längeren Geschichte an. Wir waren uns einig, dass wir diese Art von Abenteuer nun gar nicht wollen, stellten uns aber dennoch darauf ein, dass der Stromausfall bis morgen dauern könnte. Mats wollte das auch gar nicht. Warmes Abendessen mußte ausfallen, das ipad, auf dem er seine kurzen Lars-Eisbär-Videos schaute, war nicht aufgeladen, und ihm im Kerzenschein Bücher vorzulesen, strengte unsere Augen  sehr an. Der Großeinkauf mußte auch ausfallen und wir Mats schon mal vorsichtig darauf einstellen, dass es keinen Joghurt- Nachschub geben würde. Warum es zwischenzeitlich im Stadtzentrum Licht gab, wußten wir nicht; aber bis zum Ostufer des Fjordes kam es lange noch nicht. Zwischendurch gab es noch einmal für ein paar Sekunden Strom, und erst ab 18.30 blieb er dann. Nur die Eismeerkathedrale war erst nach 20 Uhr wieder sichtbar.

Also eigentlich gar nicht schlimm das Alles. Aber wenn das nun tagelang angehalten hätte, wären wir ganz schön aufgeschmissen. Abgesehen davon, dass der Grund unseres Hierseins wegfiele. Anjas Arbeit. Und nicht nur, weil die Eisbohrkerne im Tiefkühllager nicht allzulange untersuchungsfähig bleiben würden.

banaler Schreck

Die Sonne verschwindet am Horizont“ bemerkte Mats, um 14uhr30, nachdem wir gerade vom Kindergarten heimgekommen waren. Der hat heute wegen eines Streiks schon früher zugemacht. Zum ersten Mal bin ich heute zu spät gekommen, weil es immer noch so extrem glatt auf dem Weg war, dass ich trotz spikes nur unter größter Mühe vorwärts gekommen bin. Als mein handy klingelte, weil der Kindergarten wissen wollte, wo ich denn bliebe, wäre ich vor Schreck erst recht hingefallen, konnte mich aber gerade noch an einem Laternenpfahl festhalten. So war Mats schon komplett abmarschbereit, als ich ankam. Und gut, dass der Kleine heute keine Handschuhe dabei hatte. Warm genug war es, und ich konnte ihn viel besser festhalten, so dass wir am Ende zuhause ankamen ohne ein einziges Mal auszurutschen (ausgerutscht bin ich öfter, aber zum Glück nie hingefallen). Und als Mats den Sonnenuntergang bewunderte fiel mir auf, dass ich den indirekten Sonnenschein seit nun einer Woche immer freudig zur Kenntnis genommen, mich aber um das direkte Antlitz unseres Zentralgestirns gar nicht gekümmert habe. Dabei ist es sehr schön, nach zwei Monaten wieder einen banalen Sonnenuntergang zu sehen.

most slippery

Gestern hat das Tauwetter ja noch dazu geführt, dass Mats prima Schneekugeln für einen Schneemann rollen konnte. Heute wurde erstmal alles sehr matschig, und als es nachmittags zu regnen anfing, plante ich lieber mehr Zeit zum Kindergarten und mit Mats zurück ein. War auch nötig. Die Eisbahn war bestimmt 10 Zentimeter dick, und oben lief Wasser drauf. Mit meinen Spikes hatte ich schon Schwierigkeiten, zum Kindergarten zu kommen. Dort schärfte ich Mats auch gleich ein, dass es sehr glatt sei und er sehr vorsichtig gehen müsse. Aber so recht glaubte er mir nicht, denn er bestand erstmal darauf, nicht gleich an der Hand zu gehen. So kam er auch bestimmt 10 Meter weit, bevor sein Po sehr schmerzte. Danach ging er aber wirklich vorbildlich vorsichtig und an den extremen Stellen auch an der Hand. Am Müllrohr hielt ein Auto an, dessen Fahrer uns die letzten 30 Meter bis zur Haustür mitnehmen wollte. Auch Mats wollte lieber selber gehen, und wir haben es auch gut geschafft. Im Hausflur wollte er zeigen, wie schnell er laufen kann, hat aber nicht daran gedacht, dass seine Schuhe nass waren… In der Wohnung hatte er die in Aussicht gestellten homöopathischen Zuckerkügelchen aber schon wieder vergessen. Dass es für Anja auf dem Fahrrad trotz nagelbeschlagenen Reifen auch schwierig werden würde, war damit klar. Als sie kam und ich sie fragte, ob es denn überhaupt gegangen sei, mit dem Fahrrad bei der Witterung, wiegelte sie ab: „ging schon.“ – „mit zweimal Hinfallen“. Globuli wollte sie dann aber auch nicht.

Mal kurz aufs Nordkapp.

Heute haben wir endlich etwas gemacht, von dem uns schon vor Längerem erzählt wurde: Am Wochenende würden Tromsöer zur Kaffeezeit gern eins der  Hurtigrutenschiffe besuchen. Das geht ohne Probleme. Wahrscheinlich an jedem Wochentag. Bei Betreten der „Nordkapp“ wurde uns eine elektronische Besucherkarte ausgehändigt. Einfach so. Ohne Kosten, ohne Pfand, ohne Blick auf ein persönliches Dokument. Auf dem Weg zum Klo (Bei meiner Blasenstörung, wäre das Schiff durchaus eine Möglichkeit, wenn ich in der Innenstadt bin… ´komfortabler als der Container bei der Bushaltestelle ist es allemal) habe ich auch gleich die Kinderspielecke gefunden, aus der Mats dann gar nicht mehr wegzukriegen war. Nach verhaltenem Anfang rutschte er sogar bäuchlings ins Bällebad. Heute wollten wir auch nicht zu Kaffee und Kuchen an Bord, sondern nur, um auszuprobieren, ob es überhaupt geht. Es geht. Neben der Spieleecke war ein Raum mit mehreren Computern. Da mußte ich leider feststellen, dass ich keine neue e-mail hatte. Ich hätte auch da schon diesen Text vorschreiben und mir als mail schicken können. Und weil es so einfach geht, war die Versuchung auch da. Aber die Zeit bald nicht mehr. Die Busse fahren am Samstag schliesslich nur 2mal pro Stunde. Und die schlappen minus 9 Grad reichen schon, um auf dem Weg zur Haltestelle meinen spastischen Muskeltonus schmerzhaft zu erhöhen. Aber schon im Bus war alles wieder gut. Der ganze Ausflug hat gerade mal 2 Stunden gedauert. Fast waren wir zu schnell. Als wir zuhause ankamen, wurde es nichts mehr mit einem besonderen Abschiedswinken in Richtung Schiff. Das war schon vorbei, als wir gegen 18.30 uhr auf unserem Balkon ankamen. Aber nächsten Samstag gehen wir wieder an Bord. Das mußten wir Mats versprechen.

Farben

Ist die polare Nacht wirklich schon vorbei?
Gestern habe ich Mats zur gleichen Zeit wie die Monate zuvor auch aus dem Kindergarten abgeholt. Nur war es noch ein bißchen hell, und ich war der Erste. Heute wollte ich die Abholzeit den neuen Gegebenheiten anpassen und bin erst später losgegangen. Als ich ankam, war es schon wieder stockdunkel, und ich wurde unsicher. Mit minus 7 Grad war es genauso kalt wie die letzten Tage, und Mats machte das genau so wenig aus wie sonst. Ich mußte ihn antreiben, um irgendwann mal ins Haus zukommen. Mats wollte am Wasser bleiben. Ein paar Minuten blieb ich gerne noch mit ihm da stehen. Denn die Farbe des Wassers war gestern schon in ein faszinierendes Türkis übergegangen. Heute sah das Stück Ufer vor unserem Haus  endgültig so aus wie die Folie, die bei der Augsburger Puppenkiste das Meer darstellen soll. Mats teilte meine Begeisterung nicht und murmelte nur etwas von „blau“.

Guten Morgen!

Das Ende der polaren Nacht verändert Alles. Nicht nur die Helligkeit nimmt zu, sondern auch der Verkehr auf dem Fjord. Waren es gestern die Sportbootfahrer die zwischen Stadthafen und der Mitte des Westufers hin und her rasten, so kamen heute Lastkähne und Fischkutter dazu. Ich bin versucht zu sagen, dass sich der Schiffsverkehr wieder normalisiert hat. Aber wir wohnen ja erst seit September hier und haben keine wirkliche Erfahrung mit dem Wasserverkehr vor unserer Haustür. Nur eins ist definitiv anders: Die Hurtigruten.  Die Post- und Kreuzfahrtflotte, die neuerdings sogar im ARD-Vorabendprogramm Werbung schaltet, kam gestern und heute am nachmittag gar nicht mehr und verhinderte unser Abendritual, den Schiffen zuzuwinken, wenn sie an unserem Balkon vorbei fahren. Heute morgen war eins aus der Flotte im Stadthafen zu sehen. Wenn es morgen früh wieder da liegt, dann bestätigen auch diese Dampfer die Zeit der großen Umstellung. Die Bilder zeigen Tromsoe heute morgen und den Blick aus unserem Wohnzimmer am Mittag.

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