freie Zeit

Tromsö ist international. Arbeiter, Passanten und Busfahrer sprechen ganz selbstverständlich englisch, wie ich heute feststellen konnte, als ich auf dem Weg zu einer Einwanderungsangelegenheit war und von einem Bauarbeiter aufgeklärt wurde, dass das entspr. Office im Februar umgezogen sei. Wegbeschreibung zum neuen Standort gab´s auch, die von diversen Passanten korrigiert wurde und bei einem Busfahrer endete, der mich genau dort absetzte, wohin ich wollte. Im Einwanderungsbüro sah es auch so aus , als warteten die Insassen eines mittelgroßen vor Lampedusa am vorm Sinken bewahrten Bootes auf ihre Anerkennung als Bewohner Norwegens. Ich kenne einen solchen der ist drei und zeltet heute mit seiner Mutter in der Wildnis von Kwalöya. Warum ich nicht dabei bin, hat Mats heute am Telefon seiner Großmutter erklärt: „ Mein Papa kommt doch aus dem Zelt nicht mehr raus.“ Das hat auch seine Vorteile: einen ruhigen Abend und morgen früh ausschlafen.

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Bällebad

Heute war ein verregneter trüber Tag, in dem wir natürlich etwas drinnen unternehmen wollten. Und sei es der Innenraum des Hurtigrutenschiffes „Nordkapp“. Das ist das mit dem Bällebad in der Spielecke, auf das Mats schon lange gewartet hat. Zum letzten Mal vor ein paar Monaten gab es große Unterschiede: Mats hat sich viel souveräner in der Spielecke bewegt und ist die Rutsche ins Bällebad auch rückwärts heruntergerutscht. Danach hat er Bälle ins Krähennest gelegt, ist hochgeklettert und hat sie wieder runtergeworfen. Danach hat er sogar noch angefangen, ganz allein zu malen. Und die Eltern saßen ein paar Meter entfernt bei Kaffee und Waffeln an einem runden Tisch, haben zugeschaut und sich gefreut. So soll es, glaube ich, sein.

Tage im Mai

Rchtig dunkel wird es ja schon lange nicht mehr. Das hat den Vorteil, dass man abends mehr machen kann, weil man nicht so müde ist und den Nachteil, dass man morgens nur schwer hochommt, weil man müde ist. Wobei unser kleiner organischer Wecker trotz einer gewissen Rest- und Ritzenhelligkeit in seinem Zimmer eigentlich ganz gut schläft. Und meistens auch bis 4 Uhr. Das wäre aber die Zeit, zu der die Eltern ohnehin aufwachen würden, weil dann die Möwen ein infernalisches Geschrei anstimmen (warum auch immer. Dabei müßte es hier vor verhaltensforschenden Ornithologen nur so wimmeln, dass ich sie ständig umrenne. – ist aber nicht so, obwohl hier deutlich mehr Vögel als Kühe wohnen), dass auch schon wir Frischluftfanatiker überlegen, das Schlafzimmerfenster nachts zuzumachen. Wie ich auf gelegentlichen abendlichen Spaziergängen feststelle, riecht es auch hier schon nach Frühling. Dafür ist es jetzt gegen 22 Uhr schon oder noch so warm, dass ich ohne Mütze und Handschuhe spazierengehen kann. War jedenfalls gestern so. Anja führt lieber ihr Rennrad spazieren. Und Mats hat zur Zeit so wenig Probleme damit, dass Anja abends öfter mal das Haus verläßt, dass er schon von sich aus fragt, ob sie heute abend wieder weg müsse. Falls ja, reicht auch ein einfaches „Hadde“ aus der Tür beim Gehen, und Mats erwidert es nur. Schon ziemlich cool, der Kleine. Zuweilen ist es ganz entspannt bei uns in Nordnorwegen, wo die Temperaturen auch schon fast jeden zweiten Tag zweistellige Werte erreichen.

Erfolgserlebnis

Ich hatte Mats schon vom Kindergarten abgeholt und Anja war noch nicht von der Arbeit zurück. – Da mußte der Kleine aufs Clo. Da Mats sich in letzter Zeit schon zu allen möglichen Gelegenheiten von mir hat hochheben (und damit auch auf den Arm nehmen) lassen, mußten wir es also auch ausprobieren, ihn mit dem einen Arm seines Vaters auf den Kinderklositz, der auf der Brille liegt, zu bugsieren. Es funktionierte erstaunlich gut. Und während Mats in Ruhe und mit Erfolg seine beiden Geschäfte verrichtete, konnte ich sogar noch in der Küche das Abendessen vor dem Anbrennen bewahren. Nachdem wir Mats saubergemacht, wieder angezogen und seine Hände gewaschen haben, hat er sich über diesen Erfolg genauso gefreut wie ich. Ob das bei ihm kam, weil ich nun in einem weiteren Punkt Anja ersetzen und ihr damit mehr Freiraum einräumen kann, weiß ich nicht. Klar ist nur, dass er in letzter Zeit mehr mit mir anfangen kann und sich nach dem Kindergarten deutlich kürzer darüber beschwert, dass Anja noch nicht da ist. Und ich bin nicht nur einen weiteren Schritt Richtung alleinerziehender Vater gegangen, sondern habe mal wieder gemerkt, wie anstrengend und kaum leistbar es für eine klassische Hausfrau und Mutter sein muß, all die Dinge gleichzeitig zu erledigen, von denen die Gesellschaft, der Partner oder sie selbst denken, dass sie gleichzeitig erledigt werden müssen. Scheiß Rollenverteilung.

Reklame

Wenn das Schiff nicht kommt, fehlt mir etwas. Gegen 14.30 tutet normalerweise die Hurtigruten, bevor sie in den Hafen einfährt. Heute kam keine. Noch schlimmer ist, dass das Kreuzfahrtschiff dann abends auch nicht an unserem Balkon vorbeifährt. Weil wir heute wieder draußen gegessen haben, erschien mir das besonders passend. Bei der Gelegenheit ist mir aber aufgefallen, dass ich an dieser Stelle schon seitdem wir hier wohnen kostenlose Reklame für diese relativ berühmte Kreuzfahrtlinie mache, die aber tatsächlich ziemlich pitoresk ist. Wenn nun die PR-Abteilung der ehemaligen Postschiffflotte auf diesen Blog stoßen sollte – wie wäre es im Gegenzug mit ein paar Tickets? Wenn wir hier unsere Zelte abbrechen, würden wir ja gerne mit Auto und relativ vollem Anhänger mit einem Schiff der Hurtigruten nach Südnorwegen fahren. Ebenfalls umsonst versteht sich. Und meiner Mutter, die sich seit geraumer Zeit vorstellen kann, tatsächlich mal ein Kreuzfahrtschiff zu betreten, wenn es die Hurtigruten ist, würde ich das ja auch gerne ermöglichen. Zum Beispiel als Geschenk zum fünfundsiebzigsten (ich weiß, Dir fehlt es an der Zeit, liebe Heike; aber ich möchte es nur erwähnen – wer weiß, was für Zeit sich plötzlich auftut, wenn die Hurtigruten sich meldet).

Ich hab mir in einer Art Tagtraum beim Essen auf dem Balkon sogar schon vorgestellt, dass ich ja auch selbst für die PR-Abteilung dieser Schiffslinie arbeiten könnte, wenn ich dringend einen Job brauche. Ich weiß zwar nicht, wann ich das machen sollte, aber wer weiß, was sich für Zeit plötzlich für mich auftut. Ich könnte meine Therapien etwas reduzieren. Nur nicht das Treppensteigen abends mit der Elektrostimulation für den Fußheber. Damit kann ich mittlerweile 2 Stockwerke hochsteigen. Alternierend und ohne Handlauf. Fast normal also. Und irgendwann brauche ich auch nicht mehr den Fahrstuhl, wenn ich in unsere Wohnung in der 5. Etage will.

wenig überzeugend.

Eigentlich hatten wir gestern einen routinemäßigen Gesprächstermin beim Kindergartengruppenleiter von Mats. Der fiel dann aber kurzfristig aus. Die kranke Anja nutzte die Gelegenheit, zu ihrem „fast lege“ (dem festen Arzt, also Hausarzt) zu fahren und den auch schon heißen Mats mitzunehmen. Wie in Deutschland wohl auch kamen aber sehr viele Tromsöer auf die Idee, vor dem verlängerten Wochenende nochmal beim Arzt vorbeizuschauen. Und so wurden die beiden um 10 Uhr gleich wieder weggeschickt. Sie seien zu spät und sollten am Montag wiederkommen. Als Anja zurückkam kommentierte sie das nur mit den Worten “Also, das norwegische Gesundheitssystem überzeugt mich ja gar nicht.“

Dafür konnten wir am Abend nochmal auf dem Balkon essen. Nur hat Anja gar nichts schmecken können, obwohl mir das Essen meiner unwesentlichen Meinung nach gut gelungen war. Im Übrigen waren es beim Abendessen auf dem Balkon am ersten Mai 5 Grad. In der Antarktis hätten wir uns bei solchen Temperaturen wohl ständig im Schnee gewälzt.