Winter willkomm

Gestern unternahmen Mats und ich wieder unser beider Ausflug, damit Anja etwas Zeit für sich hat. Wir fuhren auf die Hurtigruten. Um 14.30 sahen wir sie in den Hafen einfahren, um 15.30 saßen wir im Bus, und um 16.30 saßen wir schon klitschnass in der Spielecke der „Polarlys“ und draußen war es stockfinster. Lange werden wir dieses Sonntagsvergnügen nicht mehr haben, wenn wir das Schiff noch im Hellen besteigen wollen. Ich muß jetzt auch schon wieder jeden Tag etwas früher in den Kindergarten, wenn Mats und ich uns nicht auf das künstliche Licht verlassen wollen, um den Nachhauseweg zu finden. Und als es heute nachmittag schneite, konnte ich nicht nur von der Stadtinsel nichts mehr sehen, geschweige denn von der Brücke dorthin mit dem Hafen dahinter und der Hurtigruten darin. Bald werde ich ab und an auch das Nachbarhaus kaum mehr erkennen können. Ist alles nicht schlimm. Aber ich muß es auch nicht haben.

norwegische Pünktlichkeit

Als ich heute von der Therapie zurückkam, geschah etwas Seltsames. Als ich nach der letzten Haltestelle vor meiner auf den Knopf drückte, um meinen Haltewunsch zu signalisieren, drehte sich der Fahrer, hinter dem ich direkt saß, zu mir um, und schwallte mich mit etwas zu, von dem ich kein Wort verstand. Ich sagte ihm in meinem schönsten Norwegisch, dass ich kein Norwegisch verstünde verstünde und fragte ihn, ob er Englisch spreche. Die Antwort war ein kurzes Kopfschütteln. Der erste Norweger, der kein Englisch sprach.Und ich versuchte es mit dem einzigen Satz, der mir auf die Schnelle einfiel: „Min Stopp er haer.“ Das nahm er mit einem etwas verständnislosen Nicken auf, und fuhr in die Haltebucht. Würde ich die Landessprache besser beherrschen, hätte ich ihn fragen können, warum morgens die Busse in die Stadt plötzlich allesamt Verspätung haben. Davon habe ich heute morgen aber profitiert: Weil ich meinte, den Tag mit ein bißchen Treppenhaustraining beginnen und die Mülltüten noch runtertragen zu müssen, bin ich 2 Minuten zu spät gekommen. Weitere 3 Minuten später trudelten die anderen Fahrgäste ein, als wäre die plötzliche und anhaltende Busverspätung allgemein bekannt und offiziell ausgehängt. Ich habe zwar schon gemerkt, dass die Busse seit Wochen mindestens 5 Minuten Verspätung haben, bin aber trotzdem immer pünktlich gekommen. Typisch deutsch wohl. Der Bus kam heute 10 Minuten zu spät, aber weil der Takt 20 beträgt bin ich trotzdem gerade noch rechtzeitig zur Therapie gekommen.

explode!

Die Therapien bei Sten sind immer auch ein Gradmesser für meinen Zustand. Bin ich noch genauso in Form wie´s letze Mal oder hat der Anfall mich zurückgeworfen? Letzteres war nicht der Fall. Mein Kleinhirn hat keinen Bewegungsablauf vergessen. Mein Gesamtzustand ist genauso gut wie letzte Woche, oder sogar noch besser. Oder höher. Nachdem ich soweit wie möglich in die Hocke gegangen war, sollte ich möglichst schnell wieder nach oben kommen und den Boden dabei verlassen. Hab ich auch. Mindestens 10 Zentimeter. Allerdings hat mich Sten nicht aufgefordert, zu springen; nein, ich sollte agieren wie ein Selbstmordattentäter.

bladder-infection

Am Sonntag, den 22.10., wachte ich nicht besonders gut ausgeschlafen auf, weil ich in der Nacht ganze sieben Mal zum Pinkeln raus mußte. Das allein ist bei meiner Blasenspastik nicht besonders auffällig. Erst als das Wasserlassen am Vormittag, an dem mich die Wahlen in Wien eigentlich viel mehr interessierten, auch noch zu Brennen anfing, kam mir der Verdacht, dass ich eine Blasenentzündung haben könnte, was zuletzt wahrscheinlich zu Schulzeiten vorgekommen war. Was macht man dann: Viel trinken, um die Krankheitserreger rauszuspülen. Tatsächlich verschwand das Brennen, aber dafür fühlte ich mich mich später auch noch fiebrig, was bei einem Epileptiker immer die Alarmglocken schrillen läßt. Mangels geeignetem Instrument liess sich dieser Verdacht nicht bestätigen und nach einigen Konzentrationsübungen ging es mir aber wieder ganz normal, und ich konnte Mats vorlesen, damit Anja wenigstens ein bißchen Zeit für sich hatte. Sie ging dann zum Laufen, um auf andere Gedanken zu kommen, die sie auch gerade für die Arbeit gut gebrauchen konnte. Ich weiß noch genau, bis zu welcher Stelle ich „Jim Knopf“ gelesen habe. Mats soll dann ein paar Mal „Hallo“ gerufen haben und ist auch zu seinem Notfalltelefon gelaufen, das aber irgendwie nicht funktioniert hat. Ich habe von all dem nichts mitbekommen, denn mein Anfall war so schwer, dass die Medikamente, die mir gespritzt wurden, mich für ca. 23 Stunden außer Gefecht setzten. Noch nicht Mal das Legen eines Blasenkatheters hat mich besonders geschreckt, obwohl das bis dahin der schlimmste Schmerz in meinem Gedächtnis war. Irgenendwie wollten die meine entzündete Blase nämlich leerbekommen, und Fieber hatte ich auch. Nach 48 Stunden war das Fieber gänzlich verschwunden und die Infektionswerte zwar noch nicht ganz weg, aber doch so weit im Sturzflug, dass ich unter der Auflage entlassen wurde, das Antiobiotikum noch 12 Tage weiter zu nehmen. Ich hoffe natürlich nicht, dass ich Zina, Benedicta und all die anderen noch mal wiedersehe, aber Angst habe ich vor dieser Station auch nicht. Sogar Mats hat mich dort besucht.

Importschlager

Es bleibt hell. Vor allem nachts und leicht grün. Allein Dienstag habe ich schon mehr Polarlichter gesehen, als im ganzen letzten Winter und mußte dafür noch nicht mal besonders lange aufbleiben. Das Foto unten hat Anja um 20 Uhr von unserem Balkon geschossen. Und Mats sitzt jetzt noch am Tisch, um „schöne Nordlichter“ zu malen. Der frühe Beginn der Saison dieser atmosphärischen Phänomene scheint sich herumgesprochen zu haben. Die ganze Stadt sei schon voller Touristen, erzählte Sten heute. Da überkommt mich eine Art nie gekannter Lokalpatriotimus: Ich denke: Dabei ist Tromsö doch das ganze Jahr über eine Reise wert.

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Brückenfrost

Darauf war ich noch nicht vorbereitet. Als ich heute morgen auf dem Weg zur Bushaltestelle die Fußgängerbrücke über die E8 betrat, fiel ich geradezu ins Geländer, denn der Boden war glatt. Ich war früh dran – so früh, dass selbst auf dem Rückweg von der Therapie die Pfützen noch mit einer dünnen Eisschicht überzogen waren – aber es ist doch erst Anfang Oktober, und es war hell und kann sich also nicht um den irrtümlichen Beginn der polaren Nacht gehandelt haben. Sollte Väterchen Frost kein Russe sein, sondern ein Norweger? Oder ein Finne? Anja und Mats haben von ihrem Camping-Ausflug über die Grenze ja auch berichtet, dass es kalt gewesen sei. Vor allem nachts im Zelt. Dafür war der Sprit für Mensch und Auto in Suomi deutlich billiger – und konnte in Euro bezahlt werden.Vor schlechtem Wetter in Tromsö hätten die beiden gar nicht zu fliehen brauchen. Zwar hat es auch hier stundenlang geregnet und einmal kurz auf den Balkon geschneit, aber überwiegend war es doch ein sonniges Wochenende. Vielleicht das letzte. – Wer weiß
Vielleicht sehe ich im kommenden Winter ja auch endlich mal so ein Polarlicht, wie Anja und Mats jetzt beim Campen, wie das Foto von Clint beweist

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