God Jul

Die Norweger feiern Weihnachten in der Langfassung. Schon heute haben die Feiertage mit dem „lille julaften, also dem kleinen Heiligabend begonnen. Ab Morgen ist dann alles wie auch in Mitteleuropa gewohnt.

Ich danke allen Lesern. Als Radiomoderator würde ich wohl „bleiben Sie uns treu oder gewogen“ schreiben. Es ist aber tatsächlich so: Das dauerhafte Lesen dieses blogs von ein paar mir bekannten Personen, ist die Motivation, ihn auch im kommenden Jahr fortzusetzen. Aber erstmal wünsche ich entspannte und entspannende Weihnachten! Und es mehr Helligkeit als hier. Soll auch gesund sein. Der Vitamine wegen. Und der Titel wird übrigens „guh jül“ ausgesprochen. Und Mats´ Weihnachtsbaumersatz ist aus Treibholzimg_0167

Eiszacken

Hab ich doch neulich erst geschrieben, ich hätte noch richtige Bergsteigerspikes in petto, falls die norwegischen Nagellappen nicht mehr reichen, um auf dem Eis vorwärts zu kommen.
Nun habe ich nichts mehr in petto. Als ich gestern morgen auf dem Weg zu Bushaltestelle, um zur Therapie in die Stadt zu kommen, über die Fußgängerbrücke mußte, kam ich gar nicht erst dahin. Ein freundlicher junger Norweger konnte mir nur kurz helfen, weil es für ihn auch „too slippery“ war. Er begleitete mich bis zum Anfang des Geländers, der leider auf der linken Seite war. Ich mußte mich also mit der rechten Hand am linken Geländer festhalten und seitwärts über die ganze Brücke gehen, die wohl gerade 100 Meter lang ist, aber gefühlt einen sehr viel längeren Eindruck macht. Irgendwie kam ich zur Bushaltestelle, und mit nur 5 Minuten Verspätung. Der Bus hatte allerdings 10, so dass ich noch einigermassen pünktlich zur Therapie kam. In der Stadt mußte mir eine freundliche Dame (wohl von den norwegischen Pfadfindern) über die Strasse helfen, die gar nicht glatt war. Aber ich hatte das Gefühl, dass meine Schiene mir gar keinen Halt mehr bot, und ich also alleine gar nicht mehr vorankomme. Das war schon das 2. Mal, dass mir soetwas passiert ist. Mittlerweile weiß ich, dass Stress den Tonus meiner Spastik schlagartig so stark erhöht, dass die Muskeln ihren Dienst quittieren. Darum also heute die richtigen bergsteigerspikes unter meinen Schuhsolen. Aber auch damit wurde ich auf dem völlig vereisten Abhang zu Akupunktur, auf dem ich vor 2 Wochen zweimal stürzte, so unsicher, dass das Gefühl gar nicht mehr gehen, ja selbst nicht mehr stehen zu können, wieder kam.
Haakon setzte mir dann eine extra Nadel zur Entspannung, die so gut geholfen hat, dass ich den Rückweg bergauf zur Bushaltestelle problemlos bewältigte. Und als ein paar Stunden später der Daueregen aufhörte, ging ich auch noch locker und gut gelaunt den Eisweg zum Kindergarten. Ich ging dann mit Mats sogar noch weiter zu Eurospar, um mit ihm Nachtischgebäck zu kaufen. Auf dem Rückweg zeigte sich sehr eindrücklich derpsychologische Zusammenhang zwischen Stimmung und Muskeln. Auf dem Weg zum Supermarkt ist ein Abhang zubewältigen, gegen den der zur Akupunktur ein Maulwurfshügel ist. Aber alles ging gut. Auf dem Hinweg. Auf dem Rückweg kam ich auch ganz gut hoch. Bis ich merkte, dass Mats sich, meine Linkswahrnehmungsschwäche ausnutzend, davon gemacht hatte. Obwohl ich ihm eingeschärft hatte, den gleichen Weg zu nehmen wie ich, ist er durch den tiefen Schnee gestapft, während ich mich auf die Serpentinen nach oben konzentrierte. Als ich oben merkte, dass Mats weg war, wurde ich ärgerlich. Und schon versagte die Fähigkeit zu gehen. Als Mats dann fröhlich ankam und ich mir sagte, dass ich mit den Spikes eigentlich ganz sicher gehen kann, konnte ich es auch. Nur für einen Moment drangen die Zacken so tief ins Eis ein, dass ich hängen blieb. Dann ging ich so leicht und geradezu beschwingt weiter, dass ich mir sicher bin, dass ich es morgen auch noch kann.
Als Haakon mich, nachdem er die Nadeln gesetzt hatte, fragte, ob ich frieren würde, sagte ich:“es sind vier Grad plus draußen!“ Er entgegnete trocken: „Wie an einem kalten Sommertag.“
Und so soll es noch eine Woche bleiben.

Wintersport

Mats_wintersportmit kollegen.jpgEin ganz normales Wochenende. So normal, dass wir wieder getrennte Wege gehen, bzw liegen oder sitzen. Ich mache um Sitzen meine Therapien zuhause. Lege mich mittags sogar etwas hin, wie das Leuten in meinem Zustand allseits geraten wird. Oder ich schreibe.
Die Ausflüge von Anja und Mats sind der Jahreszeit entsprechend: Heute unter dem Motto:“Ski und Rodel gut!“Mats_mit_Skieer.jpg

fast wie Jonas

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Auf und in der „Makaré II“ gefiel es mir sofort. Entgegen vorheriger Befürchtungen liess es sich hier gut einen ganzen Tag aushalten. Auch für mich mit meinen „besonderen Bedürfnissen“ (im Englischen gibt es ja schon lange keine Behinderten mehr). Kristina und Paul waren freundliche und entspannte Gastgeber. Und ihre Töchter haben Lego an Bord – also auch für Mats kein Problem. Aber bei den Abfahrtvorbereitungen hätte ich aber nicht in der Haut ihrer Finger stecken wollen: Sie mußten erstmal die gefrorenen Taue auseinanderklabüsern. Da mein Boot immer im Oktober aus dem Wasser kam, mußte ich früher solche Erfahrungen nie machen. Aber es war toll wieder unter Segeln zu sein. Auch wenn wir erstmal unter Motor den Sund verliessen. Adventureschiffe für Touristen mit der Aufschrift „Whales guaranteed“ überholten uns. Auf dem GPS konnten wir sehen, dass diese sich an einem bestimmten Punkt versammelten. Es war klug, auch dorthin zu fahren. Als wir ankamen durchnitten schon unzählige Rückenflossen die Wasseroberfläche als wäre sie aus Pudding. Es folgten die Orca, die in der Tiefe zuviel fern gesehen hatten und sich an der Luft benahmen wie Flipper. Sie streckten uns ihre hellen Bäuche entgegen und schlugen mit ihren ebenfalls weißen, aber schwarz umrandeten Fluken aufs Wasser. Und das Schauspiel nahm gar kein Ende. Immer, wenn ich dachte, ich hätte für die nächsten Jahre genug Wale gesehen und schon ins warme Innere steigen wollte, kamen neue Meeressäuger noch näher ans Boot heran. Dann ein Schreck aus dem Augenwinkel: Mann über Bord! Von einem Schiff ca. fünfzig Meter entfernt. Die Entwarnung folgte, als noch neun weitere Menschen – alle in roten Anzügen unter Juchzen ins Wasser sprangen. Direkt neben die Orcas, die ja nicht eben als friedliche Vegetarier bekannt sind. So bescheuert können nur Norweger sein, dachten wir. Aber da ihr Schiff erklärtermassen eins für Touristen war, werden wir die Nationalität der Walbader nie erfahren. Als es ruhiger wurde, drehten wir um und fuhren wieder zurück. Motorgetrieben, auch wenn Paul meinte, er fände den Weg in den Hafen von Tromsö auch ohne Tageslicht, das um 14 Uhr verschwand. Gefunden hat er den Hafen der Stadt unserer derzeitigen Behausung tatsächlich. Dort gingen wir wehmütig an Land.
Es war ein rundum gelungener Ausflug. Vielen Dank!Wale_vom_segelboot.jpg

Spikes im Kinderwagen.

Ich habe von Wittgensteins tractatus logico philosophicus zwar nie mehr als den Anfang gelesen. Aber der erste Satz reicht schon, um diesem blog eine halbgelehrte Note zu geben:
Tromsö ist Alles, was der Fall ist,
müßte es dann heißen.
Da ich ja ankündigte, ich würde vom Eis erst wieder schreiben, wenn etwas Außergewöhnliches passiert, wie zum Beispiel, dass ich hinfalle, kann ich heute gleich Vollzug melden: da es bei uns nach 2 Tagen deutlicher Plusgerade alles wieder weggetaut war, habe ich vorübergehend auch noch Schienenschuhe ohne Spikes in Betrieb genommen. Damit kam ich auch ganz locker über die Fußgängerbrücke zur Bushaltestelle und zur Physiotherapie und von dort zu einer anderen Bushaltestelle, an der ich ganz entspannt auf den Bus zur Akupunktur wartete.

Aber die hundert Meter von der Bushaltestelle dort bis zur Praxis waren noch komplett vereist, gingen bergab und waren nur partiell gestreut. Ich fiel zweimal hin, kam aber alleine wieder auf die Beine. Nach dem 2. Mal rief ich Haakon an, der aber nicht ans Telefon ging. Dann ging ich auf den beschneiten Gräsern am Rand der Straße weiter und nutzte, als ich die Strasse queren mußte, quasi jedes Kieselsteinchen. Am Ende war ich dann doch da. Sogar pünktlich. Auf dem Rückweg dachte ich erst, dass das Eis, während ich genadelt auf der Liege lag, weggeschmolzen wäre. Das galt aber nur für das erste Drittel. Als das Eis wieder begann und ich nicht vorankam, kam eine junge Frau des Wegs und bot mir ihren Arm an. Das nahm ich natürlich sofort an, nachdem ich mich versichert hatte, ob sie sich das denn wirklich zutraue mit dem Kinderwagen, den sie schob. Sie holte aus dem Kinderwagen ihre Spikes, legte sie (auf dem Glatteis stehend) an und los gings. Ich an der einen Hand, der Kinderwagen mit dem schlafenden Baby drin an der anderen. So kam ich zur Bushaltestelle bei unserem Haus. Von dort ging ich extra auf der vollkommen eis-und schneefreien Straße nachhause. Unmittelbar vor der Fußgängerbrücke wurde es allerdings ohne jede Vorwarnung glatt, was ich aber erst merkte, als ich schon (wieder) auf dem Boden lag. Da Ich nicht an Ort und Stelle selber wieder auf die Beine kam, musste ich die 10 Meter bis zum Brückengeländer auf dem Rücken robben und mich dort hochziehen.
Was hatte Haakon noch gesagt, bevor er die Nadeln setzte?
Es sei in Tromsö üblich, nicht zu wissen, wo es gerade glatt, wo gestreut ist und wo nicht.

Da hat er wohl recht.