Eiszacken

Hab ich doch neulich erst geschrieben, ich hätte noch richtige Bergsteigerspikes in petto, falls die norwegischen Nagellappen nicht mehr reichen, um auf dem Eis vorwärts zu kommen.
Nun habe ich nichts mehr in petto. Als ich gestern morgen auf dem Weg zu Bushaltestelle, um zur Therapie in die Stadt zu kommen, über die Fußgängerbrücke mußte, kam ich gar nicht erst dahin. Ein freundlicher junger Norweger konnte mir nur kurz helfen, weil es für ihn auch „too slippery“ war. Er begleitete mich bis zum Anfang des Geländers, der leider auf der linken Seite war. Ich mußte mich also mit der rechten Hand am linken Geländer festhalten und seitwärts über die ganze Brücke gehen, die wohl gerade 100 Meter lang ist, aber gefühlt einen sehr viel längeren Eindruck macht. Irgendwie kam ich zur Bushaltestelle, und mit nur 5 Minuten Verspätung. Der Bus hatte allerdings 10, so dass ich noch einigermassen pünktlich zur Therapie kam. In der Stadt mußte mir eine freundliche Dame (wohl von den norwegischen Pfadfindern) über die Strasse helfen, die gar nicht glatt war. Aber ich hatte das Gefühl, dass meine Schiene mir gar keinen Halt mehr bot, und ich also alleine gar nicht mehr vorankomme. Das war schon das 2. Mal, dass mir soetwas passiert ist. Mittlerweile weiß ich, dass Stress den Tonus meiner Spastik schlagartig so stark erhöht, dass die Muskeln ihren Dienst quittieren. Darum also heute die richtigen bergsteigerspikes unter meinen Schuhsolen. Aber auch damit wurde ich auf dem völlig vereisten Abhang zu Akupunktur, auf dem ich vor 2 Wochen zweimal stürzte, so unsicher, dass das Gefühl gar nicht mehr gehen, ja selbst nicht mehr stehen zu können, wieder kam.
Haakon setzte mir dann eine extra Nadel zur Entspannung, die so gut geholfen hat, dass ich den Rückweg bergauf zur Bushaltestelle problemlos bewältigte. Und als ein paar Stunden später der Daueregen aufhörte, ging ich auch noch locker und gut gelaunt den Eisweg zum Kindergarten. Ich ging dann mit Mats sogar noch weiter zu Eurospar, um mit ihm Nachtischgebäck zu kaufen. Auf dem Rückweg zeigte sich sehr eindrücklich derpsychologische Zusammenhang zwischen Stimmung und Muskeln. Auf dem Weg zum Supermarkt ist ein Abhang zubewältigen, gegen den der zur Akupunktur ein Maulwurfshügel ist. Aber alles ging gut. Auf dem Hinweg. Auf dem Rückweg kam ich auch ganz gut hoch. Bis ich merkte, dass Mats sich, meine Linkswahrnehmungsschwäche ausnutzend, davon gemacht hatte. Obwohl ich ihm eingeschärft hatte, den gleichen Weg zu nehmen wie ich, ist er durch den tiefen Schnee gestapft, während ich mich auf die Serpentinen nach oben konzentrierte. Als ich oben merkte, dass Mats weg war, wurde ich ärgerlich. Und schon versagte die Fähigkeit zu gehen. Als Mats dann fröhlich ankam und ich mir sagte, dass ich mit den Spikes eigentlich ganz sicher gehen kann, konnte ich es auch. Nur für einen Moment drangen die Zacken so tief ins Eis ein, dass ich hängen blieb. Dann ging ich so leicht und geradezu beschwingt weiter, dass ich mir sicher bin, dass ich es morgen auch noch kann.
Als Haakon mich, nachdem er die Nadeln gesetzt hatte, fragte, ob ich frieren würde, sagte ich:“es sind vier Grad plus draußen!“ Er entgegnete trocken: „Wie an einem kalten Sommertag.“
Und so soll es noch eine Woche bleiben.

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