Balkonien

Wenn ich davon ausgegangen bin, dass alles in Nordnorwegen kälter ist als in Norddeutschland, dann kann das nur für dieDurchschnittstemperaturen gelten. Heute jedenfalls war ein Ausreisser nach oben. Für 13 Uhr meldete der staatliche norwegische Wetterdienst 20 Grad. Als ich um 16 Uhr Mats vom Kindergarten abholte, vergewisserte ich mich sicherheitshalber auf dessen Internetseite „yr.no“, ob der Wind die Temperatur vielleicht so aufgefrischt hätte, dass ich was zum Überziehen bräuchte. Außer einer Sonnenbrille brauchte ich aber nichts (und für Mats steckte ich auch noch eine ein), es waren immer noch 19 Grad. Abendessen draußen versteht sich. Der Unterschied zu einem wirklich warmen Sommerabend in Ekel ist nur noch der gut gekühlte Weißwein, den ich jetzt dort am See jetzt trinken würde. Aber hier am Sund tut es ein gutes Buch auch.

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für´n Ärsch

erschfjord_logbuch

Anja und Mats machten gestern eine Wanderung auf den Nattmolfjällett. Das ist ein richtiger kleiner Berg, und für einen Dreijährigen eine richtige Herausforderung mit bald 300 Höhenmetern, die er mit Bravour gemeistert hat, fanden Anja und Mats´ neue Freundin Mar. Sogar Passanten waren voller Bewunderung über den Kleinen, der so tapfer dem Gipfelbuch entgegenlief. Nur er selbst sah das spätestens nach der 2. Pause ertwas anders: „Mama, ich bin kein Bergsteiger! Ich mag nicht mehr.“ fing er zu quengeln an. Aber auch ihn lockte die Aussicht auf den Gipfel und den Abstieg, und natürlich hat er es geschafft. Und ich? Ich bin ja auch kein Bergsteiger. Aber der Berg liegt am malerischen Ersfjord, den die Einheimischen aber Erschfjord sprechen. Einen typischeren Klischeefjord kann es gar nicht geben. So einen muß Hape Kerkeling im Kopf gehabt haben, als er das Drehbuch zu „Ein Mann, ein Fjord“ geschrieben hat. Mit Blick darauf gibt es das Café Tingeltangel. Und genau hier wurde ich während des Unternehms „geparkt“, wie Anja es bei der Abmachung des Ausfluges selbst genannt hat. Und das hat mit auch sehr gefallen. Ich hatte genug Lesestoff für noch ein paar weitere Gipfelwanderungen dabei. Aber zum Lesen kam ich gar nicht. Mein ipad hat draußen ohnehin zu sehr gespiegelt, und bei dem Wetter und dem Blick reinzugehen, konnte ich mir nicht vorstellen. Einfach bei einem Kaffee aufs Wasser zu schauen, war genau das, was ich brauchte. Ich fühlte mich gerade an einer anstrengenden und schwierigen Phase meines Lebens angekommen, und hier, im norwegischen Sommer, konnte ich mich lockermachen. Vielleicht haben sich meine Gedanken mittelfristig gelohnt, aber gestern schien mir erstmal alles für´n Ärsch: zuhause angekommen, lief auch das Elektrostimulationstraining ganz locker. Aber dann bekam ich wieder einen epileptischen Anfall. Trotz neuer Medikation. Ich muß jetzt ganz neu überlegen. So ziemlich Alles. Kann ich noch alleine vor die Tür gehen? Und sei es nur, um zu trainieren?

Norweger im Sommer

What a summer“ grüßte mich Wohnungsnachbar Kore, den ich heute ausnahmsweise mal draußen traf, als ich aus der Stadt kam. „really hot.“. In Svalbard sprechen KollegInnen von Anja gar schon von einem Jahrhundertsommer. Offiziell gemessen heißt das 14 Grad. Und das Meer hat sogar 8 Grad Celsius. Für 3 Halbstarke, die Mats wegen ihrer Körperfülle und eines anfänglich rausgerutschten Ausrufes nur „Schwabbi“ nennt, Grund genug zu baden. Täglich sprangen sie vom Holzrand der kleinen Grundstücksecke unter unserem Balkon, um dann sofort und beneidenswerterweise über die kleine Leiter wieder hinauszuklettern. Heute war Mats dran. Bei unserem Grillausflug zur Südspitze, dem Kap der Schönen und Reichen von Tromsöya, hat sich unser Kleiner sofort in Anjas Kollegin Mar verguckt, und ist mit ihr nicht nur zum Spielplatz gegangen, sondern auch zum Strand, und dort bis zu den Knien ins wirklich türkisblaue Wasser. Ich hab mir nur wieder die Sonne auf den Pelz brennen lassen und mich geärgert, schon wieder keine Mütze dabei gehabt zu haben. Es war aber ein sehr schöner Wochenendausflug mitten unter der Woche und mitten in Tromsö.Featured image

endlich Sommer

Als ich Sten heute zeigte, was übers Wochenende aus dem „in die Hocke gehen“ geworden war, war er ehrlich überrascht, was so lange Zeit nach einem Schlaganfall noch passieren kann. Auch ich bin überrascht, mit welchen landschaftlichen Reizen das Hinterland von Tromsö aufwarten kann, obwohl ich doch schon seit September hier wohne. Am Sonntag war Anja mit uns in Grötfjord, einer kleinen Bucht mit Sandstrand, einem Spielgerät für Mats und einem Tisch mit Bänken für uns alle, insbesondere aber für mich. So konnte ich im Sitzen auf ihre Rückkehr warten, als Anja und Mats mit ihrer Angel über die Steine davonzogen. Und hätten sie einen Fisch gefangen, ich hätte in gegrillter Form davon probiert, wie ich es vor 5 Jahren unweit von hier schon einmal gemacht habe. Das von Anja damals selbst gejagte und erlegte Tier war lecker, hat mich aber nicht dauerhaft an meinem Vegetarierdasein zweifeln lassen. Im Grötfjord waren Paprika und Halloumi vom mitgebrachten Grill auch sehr lecker. Anja war mit Mats im Winter schon mal hier. Dass der Sandstrand unter Schnee und Eis begraben ist, scheint mir im Moment noch sehr weit weg.- wird aber wohl erstaunlich schnell wieder so sein. Viel schneller, als mir lieb ist, fürchte ich. Den Rest des Sommers müssen wir ausnutzen. Und die Dauerhelligkeit soll sogar nur noch Tage dauern. Und siehe da: Nach gerade mal 3 Monaten ununterbrochener Helligkeit wird es dann wohl wieder dunkel. Schrecklicher Gedanke.

samischer Sommer

Wenn man einen Blick für das auf den ersten Blick Unscheinbare hat, wie Anja, werden die hiesigen Blumen groß wie in ihrer Alpinen Heimat und genauso bunt. Als sie heute morgen loszog, um mit Mats Blumen zu Pflücken, hat mich das auch gar nicht gewundert. Die Sonne schien ja, und es war warm. Außerdem hatte ich so Zeit für etwas Training, zu dem seit gestern auch etwas gehört, dass ich „in die Knie gehen „ nannte, dass aber besser „in die Hocke gehen“ heißen müßte. Und es ging noch einiges besser als gestern. Und wenn ich nun mal zum Campen mitkomme, könnte ich mich mit einer Rolle Klopapier in die Büsche schlagen, was ich bis gestern ja als sehr weit von meinen Möglichkeiten entfernt gesehen hätte. Vielleicht würde ich dabei ja auch auf einen der hiesigen Ureinwohner treffen, die die Deutschen früher, wahrscheinlich, aus purer Lust an der Verhohnepiepelung „Lappen“, genannt haben. Und wenn der Spätsommer hier, wie ich bei der Rückkehr von Mats und Anja sehen konnte, schon so bunt ist, dann bin ja nur gespannt auf den Frühherbst.Es ist wohl fast überflüssig zu erwähnen, dass wir das Abendessen heute wieder auf dem Balkon eingenommen haben. Ohne Sonnenschirm war es jedoch kaum auszuhalten. Die coolen Sonnenbrillen alleine haben das nicht wettmachen können.

Sommerfoto_logbuch

Wochenendanfang mit Wollmütze

Bereits am Donnerstag war ich nach der Therapie auf dem Weg durch die Stadt froh, in meiner Übergangsjacke noch die Wollmütze vom frühen Frühjahr zu finden. War heute auch wieder nötig. Dabei hatte mir Sten – nicht ohne Anflug von Stolz vom Donnerstag letzter Woche erzählt. Da seien es (und das bereits zum 2. mal in diesem Sommer) zwanzig Grad gewesen. Plus und Celsius. Kein Wunder, dass gerade alle Norweger in die Sommerfrische gereist sind. Auch von Anjas Kolleginnen ist kaum jemand da. Und Sten hat hat plötzlich eine Menge freier Termine. Wovon wiederum ich profitiere. Heute war ich schon wieder bei Sten. Und nächste Woche habe ich sogar 3 Termine. Keine Ahnung, wo das noch enden soll: Heute bin ich bereits vor meinem Fisioterapeuten in die Knie gegangen. Und alleine wieder hoch gekommen. Das war wirklich ein Hochgefühl. Eine solche Bewegung habe ich schon seit 8 Jahren nicht mehr gemacht. Und ehe sich nun noch andere Leute berechtigte Hoffnungen machen: So ganz ohne seine Unterstützung konnte ich vor ihm nicht in die Knie gehen. Und wie genau das geht, weiß wohl nur er. Leider.

wieder da

Der 13.7, war ein anstrengender Reisetag, der ein Bild produzierte, das mir wohl in ewiger Erinnerung bleiben wird: Eine wütende Anja pfeffert dem arbeitsverweigerndem Mitarbeiter am Sperrgepäckschalter in Oslo ihren Rucksack vor die Füße.

Dabei hat der Deutschland-Aufenthalt insgesamt gezeigt: ich bin reich. An Liebe und Freundschaft. Besonders erwähnen möchte ich hier nur Heike(auch wenn meine meine Mutter behaupten wird, dass 3 Wochen kümmern um Mats und mich selbstverständlich sei und jede Erwähnung zurückweisen wird), Kathrin, Doris und Klaus. Amrum ist tatsächlich die schönste Insel der Welt, aber über Allem hängt bei mir die Möglichkeit epileptischer Anfälle als jensisches Schwert am seidenen Faden. Seit heute sind auch die beiden von der Fluglinie vergessenen Koffer wieder da, und der Nachbar, der, den Briefkasten leerte, war gar nicht, wie befürchtet, im Urlaub bis wir in einem Monat schon wieder nach Deutschland fahren. Am Morgen nach der Rückkehr sagte Mats schon: Wir sind wieder in Tromsö – Jippie!!“